tonatom – Label mit Liebe für den totalen Idealismus

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tonatom – Label mit Liebe für den totalen Idealismus

tonAtom gehört zu den wirklich alten und ehrwürdigen Netlabels, das nie die eigene Mission aus den Augen verloren hat.

Unter der willensstarken Organisation und mit Liebe für die Nische versorgt Label-Kopf Matthias Reinwarth Musikliebhaber seit Jahren regelmäßig mit neuer Musik. Außergewöhnlich bei tonAtom ist unter anderem auch die totale Verweigerung gegenüber Web 2.0-Schnickschnack. Mit Konzept geht man bei tonAtom wider der – oft unnützen – totalen Web 2.0-Verdrahtung vor. Im Interview erklärt Matthias Reinwarth die Gründe.

Das Ziel damals wie heute war und ist es, eine legale, nichtkommerzielle Veröffentlichung von “professional-grade” Musik aus einer und in einer Nische neben dem konventionellen Musikbusiness zu ermöglichen.

Wie kam es dazu, das Netlabel zu gründen?

Eine Vielzahl von Gründen führte zur Entstehung von tonAtom. Ich hatte schon vor der Gründung Kontakt zu einer Vielzahl von Musikern, denen als Nischenkünstler der Zugang zu klassischen Labels damals wie heute verwehrt war. Hinzu kam zu diesem Zeitpunkt der Wildwuchs großartiger und grauenhafter Online-Musik auf MP3-Portalen und zu diesem Zeitpunkt dann auch deren Niedergang. Und schon damals gab es natürlich einige, wenige, aber zum Teil eben auch glänzende Netlabel-Vorbilder, wie insbesondere Thinner.

Wichtig für mich war nach einigen Diskussionen im Freundes- und Bekanntenkreis zuerst die aktive Entscheidung gegen die Gründung eines konventionellen Indielabels, die durchaus mal im Raum stand, und dies geschah sowohl aus kommerziellen als auch aus “ideologischen” Gründen. Deshalb war für mich der Weg, mit ausgewählten Mitstreitern ein Netlabel etwas eigenen Zuschnitts zu etablieren, deutlich interessanter.

Das Ziel damals wie heute war und ist es, eine legale, nichtkommerzielle Veröffentlichung von “professional-grade” Musik aus einer und in einer Nische neben dem konventionellen Musikbusiness zu ermöglichen. Die angestrebte Funktion war und ist, als Anlaufstelle für Künstler und Interessenten solcher Musik zu dienen. Schon damals war klar, dass der Ansatz sein muss, die Künstler, die Releases und das Label als Qualitäts- und Stilstatement zu positionieren. Natürlich ist das ein sehr, vermutlich zu hehrer Anspruch, aber lieber manchmal eine sehr hohe Meßlatte reissen, als mediokre Dutzendware anbieten.

Wer steckt hinter dem Label?

Foto: Matthias Reinwarth von tonAtom

Die maßgebliche Figur hinter tonAtom bin wohl ich, Matthias Reinwarth, der das Label von der Gründung bis heute gestaltet und die letztendlichen Entscheidungen über Releases und die Entwicklung trifft.

Unerläßlich ist aber die Unterstützung durch einige Mitstreiter, die in zum Teil wechselnder Zusammensetzung. Dies waren zu Beginn Matthias “Red Sparrow” Spittler und Sabine “elektr@” Dirksen, bis heute immer mal wieder Carsten “Alcyon” Büttemeier und Axel Fischer. Neuerdings stößt auch Andreas Usenbenz hinzu, der eigene Releases als Nobile und Sonovo veröffentlicht hat und durch sein Mastering den neueren Veröffentlichungen die klangliche Finesse verleiht und in Zukunft verstärkt verleihen wird.

Hinzu kommen und kamen Sponsoren, die das Hosting abseits von den üblichen Netlabelplattformen ermöglichen.

Unschätzbaren Anteil haben bei der Gestaltung der Releases als Gesamtprodukt die Artworks von Alexander “Aljen” Jensko, der seit Gründung eine Vielzahl von Cover-Artworks beigesteuert hat, die auch optisch einen tonAtom-Labelstil darstellen. Er war und ist auch bei der Entwicklung des Labels immer ein wichtiger Diskussionspartner, etwa wenn es um Anpassungen der Ausrichtung, etwa bei den Änderungen des Releasekonzeptes ging – von anfangs reinen EPs hin zu vollen Releases und Videos. Neben der Tatsache, dass er tonAtom auch akustisch mitbeeinflusst hat, sind auch seine Poster, die zu einigen Compilations entstanden, sehenswert.

Wie beschreibt Ihr Euren Sound?

Die Beschreibung eines tonAtom-Sounds versuche ich zu vermeiden, weil das nach meiner Meinung einfach nicht geht.

Das Label entwickelt sich natürlich über die Jahre und konnte man am Anfang noch Ambient+Elektro+Experimental als Verortung des Stils angeben, so sind heute andere Stilistiken hinzu gekommen, die aber in der Summe – natürlich nur meiner Meinung nach – doch tonAtom als Ganzes und stimmiges Gesamtes umreissen. Gerade die Indiepop-Musik von ne:o und msc, Filmmusiken und Poppiges, die ironisch-plakativen und doch so unterschiedlichen Veröffentlichungen von Konsumprodukt und Wellenformreiter neben den eher “typischen” elektronischen Netlabel-Releases zwischen Ambient und Elektronika machen den Stil in Summe ziemlich “unbeschreiblich”.

Am einfachsten könnte man vielleicht sagen, der tonAtom-Sound ist Matthias’ Musikgeschmack, denn schliesslich habe ich die Releases ausgewählt :-)

Wodurch hebt sich Euer von der Konkurrenz ab?

Ich habe eine Vielzahl von Netlabels und deren Betreiber über die Jahre immer eher als Mitstreiter und Kommunikationspartner empfunden, deshalb gefällt mir schon das Wort Konkurrenz nur sehr bedingt, eigentlich gar nicht. Trotzdem sind einige Unterschiede offensichtlich:

Konzeptionell: tonAtom konzentriert sich ausschliesslich auf eine mehr oder weniger regelmäßige Veröffentlichung von netaudio-releases. Nicht mehr und nicht weniger. Von der allgemeinen Ausrichtung ist tonAtom sehr konsequent nicht-kommerziell und rein auf das Internet und seine Möglichkeiten ausgerichtet. Das heisst, es gibt keinen Shop, kein Merchandising, keine Flattr-Buttons und keine Google-Ads.

Den Live-Aspekt, das Vinyl-Verkaufen und den Versuch bei Bandcamp einen Euro zu verdienen, überlasse ich den Künstlern selbst. tonAtom soll nur und ausschliesslich das verlässliche und hoffentlich qualitativ hochwertige Online-Label als ein Partner des Künstlers sein. Viele 2.0-ige Interaktions-Möglichkeiten existieren mit voller Absicht nicht: Es gibt keine Diskussions- und Feedbackmechanismen, keine Download-Counter oder Voting-Buttons. Das ist sehr old-school, spiegelt aber auch nicht zuletzt einen sehr klaren Releasebegriff (im Sinne von “fertiges Produkt”) wieder.

Stilistisch bedient tonAtom eine Auswahl musikalischer Richtungen, aber einige mit voller Absicht praktisch nicht, die ansonsten einen Großteil der Netaudio-Szene ausmachen. Das ist der gesamte, in den 90ern fußende, Dancefloor-orientierte Bereich, zwischen Dub, Techno und House mit all den feinen Abstufungen dazwischen. Hier gibt es aus meiner Sicht einfach schon mehr als nötig, auch in sehr guter handwerklicher Qualität. Die Vier-Viertel-”Umtss-Umtss”-Ästhetik hat sich mir nie erschlossen, womit wohl hinreichend erklärt ist, warum es wohl nie eine tonAtom-DJ-Night in einem Club geben kann.

Welche Mission verfolgt Euer Netlabel?

Ich verstehe Labels heute mehr denn je als Filter und das auf den Ebenen Quantität, Originalität, Qualität (Musik, Mastering, Artwork) und Stil. Das Internet ermöglicht es heute jedem, zu publizieren, sei es als Künstler oder als Netlabel. Das Großartige an dieser Möglichkeit kann man gar nicht genug betonen. Die wohl wichtigste Mission für ein Netlabel aus meiner Sicht ist es nun aber, einem interessierten Hörer unter einem Labelnamen – bei mir eben tonAtom – regelmäßig stilistisch interessante und qualitativ hochwertige Releases von faszinierenden und ungewöhnlichen Künstlern anzubieten.

Das bedeutet auch: Nicht publizieren um jeden Preis, sondern Sorgfalt und Arbeit mit dem Künstler am Produkt. Mehr als ein Release ist erst durch Überzeugungsarbeit mit dem Künstler in der heutigen Form oder überhaupt erst entstanden. Die Auswahl der Releases, des Artworks und Kontrolle oder Beisteuern eines guten Masterings, ein vollständiges und ansprechendes Tagging der einzelne Dateien sind ein wichtiger Teil hiervon.

Im Idealfall ist die Mission erfüllt, wenn man Hörerschichten erreicht, die nicht sowieso schon Netlabel hören, sondern wegen der Musik, der Künstler oder des Labelstils wiederkommen.

Ich bin selbst begeisterter Konsument von Netlabel-Musik: Wenn ich weiss, dass mir eine Reihe Releases von einem Netlabel zugesagt haben, werde ich den Newsletter oder den Twitter-Feed verfolgen und den nächsten Release – zum Beispiel bei Laridae oder Stadtgrün – auch ungeprüft herunterladen. Bin ich mehrfach durch schlechte Qualität auf unterschiedlichster Ebene enttäuscht worden, oder publizieren die Netlabel-Betreiber Musik, die mir stilistisch nicht zusagt, verschwindet bei mir ein Netlabel vom Radar.

Welches besondere Erlebnis oder Ereignis verbindest Du mit Deinem Netlabel?

netaudio berlin 2007

Als rein auf das Internet fixiertes Label sind die “real-life” Ereignisse dünn gesät, was ja Teil des Konzeptes ist. Auch die Kommunikation im Team und mit den Künstlern erfolgt ohne direkten, persönlichen Kontakt, sondern mit Mail, Skype, Telefon und neuerdings auch mal via social networks.

netaudio berlin 2007

Spannend sind deshalb die seltenen, aber um so interessanteren persönlichen Kontakt im tonAtom-Umfeld, aber auch mit anderen Netaudio-Aktivisten, insbesondere auf den einschlägigen Veranstaltungen wie die Cologne Commons oder Netaudio Berlin. Ein besonderes Highlight war sicherlich die Präsentation des Releases “v/a – recovered items” auf der Netaudio Berlin-Veranstaltung im RAW-Tempel im Oktober 2007, wo Alexander Jensko als Ausgangspunkt zu jedem Titel eine Grafik präsentierte.

Über die Jahre hat es auch immer wieder die Möglichkeit gegeben, tonAtom und Netaudio in Radio-Sendungen, insbesondere im unabhängigen Radio oder in Podcasts vorzustellen, was immer interessante Veranstaltungen sind, die auch neue Hörerkreise erschliessen.

Wo seht ihr das Netlabel in der Zukunft?

Gut gemachte Netlabel wie 12rec, kahvi, laridae oder aaahh-records (und viele mehr) haben heute die Position erreicht, einen alternativen Publikationsweg für Musik und Künstler unter alternativen Lizenzen darzustellen. Hierbei erreichen sie Personenkreise, insbesondere auch die digital natives, die vom Unfang vergleichbar und zum Teil sogar deutlich größer als die Reichweite von klassischen Independent-Labels sind. Hierbei überschreiten sie insbesondere nationale und Sprachgrenzen, denen die klassische Distributionsformen zwangsläufig unterliegen. Diese Reichweite und diese Form der Publikation ist die Stärke der Netlabels. Und das geschieht parallel zum klassischen Musik-Business.

Genau da sehe ich auch für die Zukunft die Rolle der Netlabels und die von tonAtom.

Anders als Independent Labels und das klassische Musik-Business haben Netlabels aber aus meiner Sicht auch die Gelegenheit und die Verpflichtung für die kleine und kleinste Nische. Kommerzieller Erfolg stört genau so wenig wie kommerzieller Misserfolg. Und das ist eine Chance, die aus meiner Sicht umfassend zu nutzen ist. Mut, Vielfalt und Nonkonformität sind spannender als noch ein weiterer Dub/Tech/House-Release. Der Weg zu den Personenkreisen jenseits der Internet-affinen Hörer ist sicher weiter spannend, aber Mundpropaganda und die Presse haben schon einiges bewegt.

Die Künstler, die das wollen, können den Rückenwind einer Publikation auf einem renommierten Netlabel zur eigenen Vermarktung nutzen, sei es live, als DJ oder VJ, als Lizenzgeber für kommerzielle Nutzung oder als Auftragskomponist.

Die Netlabels, die das wollen, treten beispielsweise regional oder punktuell national/international als Veranstalter auf oder vertreiben per Mailorder physikalische Tonträger, die im besten Falle auch tatsächlichen Mehrwert lieferen.

Für diese Aufgaben, wenn gewollt, sehe ich aber dedizierte, klar kommerziell agierende und auch so rechtlich aufgestellte (GbR, GmbH) parallele Organisationsformen für sinnvoller an. Das kann dann etwa als Booking Agentur, konventionelles und damit kommerzielles Label, als Mailorder-Versand für Vinyl und Merchandise, oder als Verlag sein. Das macht dann die Trennung zum Netlabel als vielfach nicht-kommerziell (CC-nc) agierende Organisation viel leichter.

Die zentrale Rolle für das Netlabel selbst aber ist aus meiner Sicht die oben beschrieben Rolle als Filter, Marke und verlässlicher Lieferant legaler, musikalischer Herausforderungen.

tonAtom wird auch in Zukunft nur diese eine Aufgabe wahrnehmen, also da bleiben, wo es ist.

Vielen Dank für das Interview, Matthias!

Credits für Fotos

Fotos NetaudioBerlin 2007 (c) 2007 aljen.de // Creative Commons: by-nc-nd

Harte Fakten

  • Netlabel: tonAtom
  • Gegründet: Frühjahr 2002
  • Releases: knapp 100, davon 85 Audio- und 12 Video-Releases
  • Künstler: ca. 50
  • Musikformat(e): MP3 und FLAC
  • Gründer: Matthias Reinwarth
  • Musikstyle: Ambient, Elektro, Elektronika, Experimental, IndiePop und mehr
  • URL: www.tonAtom.net
  • Stand: 24.10.2010

Welches Release repräsentiert das Netlabel am Besten? Und warum?

“Für den schnellen Einstieg in den tonAtom-Sound eignet sich wohl besonders unsere Compilations – am Besten Release 50 aus dem Jahr 2006 mit dem auf den ersten Blick seltsamen Titel “fuenfzig / vier / sechzehn”.

Dieser Release ist ein musikalischer Kettenbrief, der mehr als ein Jahr unterwegs war. Die Idee war, dass eine Compilation entstehen sollte, bei der die teilnehmenden tonAtom-Künstler einen eigenen Titel schaffen, der sich an die letzten 30 Sekunden des Vorgänger-Tracks anschließt, um nach Abschluss dann die letzten 30 Sekunden an den nächsten in der Reihe weiterzusenden.

Ganz am Ende wurde dann ein einziger durchgängiger Release daraus, der aus sechzehn Einzeltiteln besteht. Da der Release auch am Ende wieder zum Anfang passt, kann man gerne auch die Repeat-Taste drücken und erhält einen durchgängigen Soundtrack für seinen Tag. In aller Unterschiedlichkeit der einzelnen Künstler und ihrer Tracks von Ambient bis Pop und von Elektronika bis IDM ist mit diesem 50. Release zum damaligen 4. Labeljubiläum durch 16 Künstler – was nun auch den Titel erklärt – ein Mixtape/DJ-Set entstanden, das viele Facetten von tonAtom konzentriert und auch wieder ein Aljen-Artwork samt Poster/Desktop-Wallpaper hat.”

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